Die Geschichte des Sendenhorster Pfarrers Franz Darup

Im Dezember 2003 ist eine neue Veröffentlichung zur Geschichte der Sendenhorster Kirchengemeinde erschienen:

Wilhelm Ribhegge,
Franz Darup. Westfälischer Landpfarrer in revolutionären Zeiten.


Ardey Verlag Münster
ca.140 Seiten
€ 6,90

Erhältlich in allen Buchhandlungen und im Pfarrbüro in Sendenhorst.

Zum Inhalt des Buches:

Französische Revolution, Kriege, Eroberungen. Um 1800 bricht die alte politische und kirchliche Ordnung Europas zusammen. Aber das Leben der Menschen geht weiter, auch in der ländlichen Kleinstadt Sendenhorst im Münsterland.

Hier erlebt Franz Darup während seiner fast fünfzigjährigen Tätigkeit als katholischer Pfarrer den Umbruch der Zeiten. Lebenserfahren, klug und überlegt begleitet er die Christen seiner Gemeinde durch diese Jahrzehnte. Seine religiösen Bücher, Schriften und Predigten werden im 19. Jahrhundert  immer wieder neu aufgelegt. Sie spiegeln in einzigartiger Weise Dauer und Wandel im Zeitenumbruch.

Auszug aus dem Kapitel "Französische Herrschaft und Sendenhorster Aufklärung", das die Zeit beschreibt, als Nordwestdeutschland und damit auch das Münsterland von Napoleon erobert worden war und unter französischer Herrschaft stand.

Seit 1809 arbeitete erstmals ein junger wissenschaftlich ausgebildeter Arzt, Johann Anton Brüning, in Sendenhorst. Er verstand sich als Philosoph und als Mann des Fortschritts, der den Aberglauben und die Rückständigkeit des religiösen Denkens bekämpfte. Er hatte bereits bei Coppenrath in Münster zwei philosophische Schriften veröffentlicht. Sie trugen die Titel: "Anfangsgründe der Grundwissenschaft oder Philosophie" und "Die Versöhnung von Idealismus und Materialismus oder die Existenz äußerer Dinge. Ein Gespräch" Am 16. November 1810 richtete Brüning eine schriftliche Eingabe an den Unterpräfekten des Arrondissements Hamm, Wiethaus. Darin erhob der Arzt Einwände gegen die Praxis der Kindertaufe mit kaltem Wasser in der Sendenhorster Kirche. "Es werden in hiesiger Gegend", so hieß es in dem Schreiben, "die neugeborenen Kinder am 1ten oder 2ten Tage nach ihrer Geburt ohne Rücksicht auf die Schädlichkeit des Kindes [für das Kind], ohne Rücksicht auf die Kälte des Wetters, oft über einen Stunde Weges zur Kirche gebracht, und hieselbst ihnen der Kopf dreimal mit kaltem Wasser übergossen, ohne Rücksicht auf die Kälte des Wassers zu nehmen." Nach Aussage der Hebamme werde das Wasser nur dann erwärmt, wenn es zu Eis gefroren ist, wo es also nicht kann vermieden werden." Medizinisch beurteilte Brüning die Sendenhorster Taufpraxis folgendermaßen: "Da das Gehirn des Neugeborenen an mehreren Stellen durch keine Knochen sondern nur durch dünne Häute bedeckt ist, da ihr Körper überhaupt noch so zart und reizbar, und deshalb ohnehin so leicht zu Krämpfen und Zuckungen geneigt, welche bei denselben so leicht tödlich werden, so muß im Winter das eiskalte Wasser um so nachteiliger und gefährlicher wirken."

Brüning zog auch gleich die moralische Konsequenz: "Die Schädlichkeit dieses (ich will nicht sagen barbarischen), aber doch leichtsinnigen Verfahrens, wird wohl überhaupt von keinem etwas Nachdenkenden bezweifelt. Aber ein Jahrhundert vergeht, ehe ein Mißbrauch eingesehen wird, und wieder ein Jahrhundert, ehe er abgeschafft wird." Das habe ein bekannter Schriftsteller gesagt, und leider wäre dem wohl auch so, "wenn nicht eine erleuchtete" [d h. fortschrittlich-aufgeklärte] Behörde dem Schlendrian den Weg vertritt". Der Arzt riet der Behörde, das Taufen in der Kirche zu untersagen und sie privat in den Wohnhäusern durchführen zu lassen. Der Brief schloß mit der Formulierung: "Es empfiehlt Ihnen, Herr Bezirks-Präfekt, die Sache unserer kleinen Mitmenschen mit vorzüglicher Hochachtung - Brüning." Offensichtlich erwartete der Arzt, daß die aufgeklärte französische Behörde der Sendenhorster Taufpraxis ein Ende setzte. Wiethaus gab das Schreiben an den Sendenhorster Maire [Bürgermeister] Langen weiter, der seinerseits Pfarrer Darup um eine Stellungnahme bat.

Darup antwortete dem Maire am 24. November. "Es ist gewiß zu loben", schrieb Darup in ironischem Unterton, "daß der Arzt Br. sich so viele Mühe gibt, die Krankheiten der kleinen Mitmenschen (und warum nicht auch der größeren?) vorzubeugen. Aber die Sorgfalt, die er sich für die Gesundheit der Kleinen zu geben scheint, möchte vielleicht auch diesmal übertrieben und auf irrige Supposita gegründet sein." Auch habe er den Eindruck, daß sich der Arzt bei seinen Ausführungen an einige medizinische Abhandlungen anlehne, die kürzlich erschienen seien. Sie wären aber auch den Pfarrern nicht unbekannt geblieben und sie hätten daraus längst ihre Konsequenzen gezogen. "Was diesen Ort betrifft, worauf sich der Arzt vorzüglich beruft, so glaube ich während der Zeit meiner Amtsverwaltung seit 22 Jahren immer sorgfältig genug darauf Bedacht genommen zu haben, daß die neugeborene Kinder im Winter mit lauwarmen Wasser getauft sind, sobald eine merkliche Kälte eingetreten war." Auch habe sich bei ihm noch niemand über die Taufpraxis beschwert.

Nun berufe sich der Arzt, der offensichtlich keiner Taufe in der Pfarrkirche beigewohnt hatte, auf die Aussage einer Hebamme, die gesagt habe, warmes Wasser werde nur benutzt, wenn das Wasser im Taufstein zu Eis gefroren sei und notwendig hätte geschmolzen werden müssen, um es zu benutzen. Das sei lächerlich. "Im Winter werden bei eintretender Kälte in hiesiger Kirche die neugeborenen Kinder nicht mal zum Taufstein getragen, sondern werden in der Sakristei, wo warmes Wasser zubereitet wird, getauft. Mithin kann die Hebamme nicht mal wissen, ob das Wasser im Taufstein gefroren ist, es sei denn, daß sie es daraus schließt, weil das Wasser draußen gefroren ist." Was nun das Taufen im Sommer angehe, so sei es richtig, daß zu dieser Zeit kein warmes Wasser benutzt werde. Es werde auch nur eine kleine Stelle am Kopf des Kindes mit etwas Wasser benetzt und nicht, wie der Arzt zu glauben scheine, "mit einer Menge Wasser der ganze Kopf". Was übrigens die jahrhundertealten Mißbräuche angehe, so hätten ja auch die Ärzte erst seit kurzem auf mögliche schädliche Auswirkung bei der Taufe mit kaltem Wasser hingewiesen. Müsse man deswegen vom Schlendrian reden?

Dann setzte Darup zum Gegenangriff an: "Bei dem Ausdruck barbarischen Verfahren scheint ein hämischer Seitenblick auf die Geistlichkeit hervorzublinken." In Umkehrung des denunziatorischen Charakters des Arztschreibens, der offensichtlich weder einer Taufe beigewohnt noch den Pfarrer selbst am Ort auf seine Bedenken persönlich angesprochen hatte, forderte Darup seinerseits den Maire auf, "bei der Höheren Behörde darauf anzutragen, dem erwähnten Arzte deshalb eine Zurechtweisung und den Befehl zu erteilen, sich solche anzüglichen Ausdrücke in seinen Anträgen künftig zu enthalten." Es war nicht das erste kirchenkritische Beschwerdeschreiben, das Brüning nach Hamm geschickt hatte. Darup fügte hinzu: "Schließlich muß ich noch bemerken, daß es sehr auffallend ist, daß der medizinische Scharfsinn des Arztes in seinen Vorstellungen bisher nur auf Kirchengehen und auf kirchliche Gebräuche sich erstreckte. Er könnte, wenn sein Beobachtungsgeist noch länger auf diesem Gegenstande verweilt, bei seiner weiten Einsicht auf die entfernteste Gefahr für die Gesundheit, sogar auf den Einfall geraten, daß auch das Kirchengehen an den Sonn- und Feiertagen zur Winterszeit bei Schnee und Regenwetter, bei Frost und Glatteis, überhaupt, und besonders für Landleute gefährlich und der Gesundheit nachteilig sei, und darauf antragen, daß solches abgestellt werde und Groß und Klein zu Haus bleiben müsse." Die Auseinandersetzung zwischen Arzt und Pfarrer gab bereits ein Vorspiel zu jenen Kämpfen ab, die im letzen Drittel des Jahrhunderts im Kulturkampf eskalierten, wenngleich nicht mehr so harmlos und im kleinstädtischen Rahmen und ohne die Ironie, mit der Darup den Angriff geschickt parierte und als lächerlich entlarvte.